Textiltechnologie/ Textilmanagement an der Hochschule Reutlingen ODER "was zum Herren studierst du da eigentlich?"




Ich gehöre zu Einer,der wenigen in Deutschland, die noch Textiltechnologie studiert. 

"Das ist doch eh alles nur noch in China oder Bangladesh." " Naaah, hast du denn auch schon selbst was genäht?" 
"Ahja dann ist das irgendwas mit Mode was du studierst, oder?" 
"Was willst du dann später machen?" "Bekommst du überhaupt einen Job?" "Was machst du? Textiltechnologie? Was ist das?"

Random zusammengefasst die Standardreaktionen auf meinen Studiengang. Und ich versteh die Fragerei, ich mein, ich habe mir davor auch nicht viel drunter vorstellen können. 

Zunächst einmal: Was studiert man da eigentlich? Was lernen wir und wie sieht unser Vorlesungsplan aus? 



Textiltechnologie hat nichts mit Design zu tun, wirklich kreativ betätigt man sich auch nicht, nichts mit der glitzernden Modewelt und "der Teufel trägt Prada". 
Textiltechnologie ist ein Ingenieur. 
Wie jeder andere Ingenieurstudent beißen auch wir uns durch ein Grundstudium bestehend aus Mathe, Mechanik, Elektrotechnik, Antriebstechnik, Werkstoffkunde und so weiter. Mit dem Management im Titel hat das am Anfang wenig zu tun. Natürlich ist das aber alles auf Textilien und praktische Beispiele bezogen, was die Sache sehr erleichtert.
In Physik die Frequenz einer Garnspule
zu berechnen macht irgendwie mehr Sinn, als sinnlos Formeln einzusetzen, wie es früher in der Schule der Fall war. So habe ich mit meinem "in der 10.Klasse gerade Physik mit ner 4 abgewählt - Talent" doch tatsächlich Physik gut bestanden. Alles eine Frage der Einstellung.



Weiter ist der Studiengang von Anfang an auf die textilen Grundthemen Garnerzeugung, Maschentechnik und Weberei unterteilt. Von Semester zu Semester taucht man da dann tiefer und tiefer in die Materie ein, hat viele Praxisvorlesungen in unserer gigantischen Maschinenhalle und lernt sofort die Theorie in der Praxis anzuwenden. 
Unter diesen Fächern kann sich ein Außenstehender zu Anfang relativ wenig vorstellen. In Maschentechnik beispielsweise sitzen wir nicht im Kreis und stricken Socken sondern lernen jedes mechanische Teil an den Maschinen kennen, Strickmuster in die Wirklichkeit umzusetzen, das richtige Material mit der richtigen Maschinen zu verarbeiten und so weiter. Man glaubt gar nicht wie kompliziert es sein kann eine Socke zu stricken.

Gerade diese Fächer sind super Spannend und ich gehe immer motiviert und gerne in diese Vorlesungen.  
Nach der Hälfte des Studiums etwa gibt es dann noch ein Praxissemester und danach kann man dann wählen ob man sicher eher auf die Technologie und Entwicklung oder auf den Managementbereich, sprich mehr Rechnungswesen,BWL und so weiter, spezialisieren will. Insgesamt geht das ganze Studium 8 Semester also 4 Jahre lang.



Textil ist nicht gleich Textil. Wo ich zum Thema Zukunft kommen. 
Zunächst: Wir werden immer und immer uns mit Flächengebilden bedecken wollen. Das heißt, Textil ist schon ein mal in dieser Richtung nie vom Markt.
Weiter ist die Textile Industrie so wunderbar vielfältig. Wir Textiler sind unersetzbar in der Medizin angefangen bei einfachen Mullbinden bis hin zu künstlichen Därmen, unersetzbar in der Bauindustrie, in der Werbeindustrie ( was denkt ihr was große Werbeplakate sind? synthetische Gewebe..), wir entwickeln Carbonfasern für ultraleichte Fahrräder, Feuerfeste Materialien für die Feuerwehr und Bundeswehr, atmungsaktive Membranen für Extremsportler, Sitzbezüge für Daimler, Campingausrüstung... die Liste geht ins Endlose. Keine Branche ist so vielfältig und so wichtig wie die Textilbranche. Kurz gefasst : ich mache mir keine Sorgen um meine Zukunft.




Wie sieht denn so mein Alltag aus? Mein Stundenplan? Wie machbar ist das Ganze?

Ich finde im Vergleich zu anderen Studenten habe ich verdammt viele Vorlesungen, aber der Vergleich ist müßig. Andere Studiengänge müssen dafür mehr Hausarbeiten schreiben, andere mehr selbstständig arbeiten.. 
Ich habe eigentlich jeden Tag ab 8:00 Uhr Vorlesungsblöcke. Wobei das noch der Fluch der ersten paar Semester ist. Mit höherem Semester wird das auch besser. Die ersten zwei Semester sind für viele ziemlich viel Beißerei, da man gerade im Grundstudium einige nervige Veranstaltungen besuchen muss, mit denen man nicht Unbedingt bei der Studienwahl gerechnet hat ( da wäre zum Beispiel das wöchentliche Physik Praktikum bis ca 20:30 im 2. Semester.. ). Also sollte man sich bei Textilmanagement in den ersten Semestern auf viele Zahlen und Zahnräder einstellen. Es gibt relativ viele die dann doch dachten sie studieren irgendwas mit Mode und brechen ab. Wenn man das aber erst geschafft hat wird es super cool und auch die Textilengrundlagen gleichen interessenstechnisch die langweiligen Physikvorlesungen aus.

Also alles machbar. Ich habe genug Zeit auch für mich und bin eigentlich nur in der Klausurenphase gestresst. 

Zusammengefasst also mein absoluter Traumstudiengang! Ich hätte mir nicht besseres vorstellen können.








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