#4 mal wieder eine Predigt über Luxusprobleme



Ich war zehn Jahre alt, als ich mein erstes Buch über 400 Seiten las. Ich habe unheimlich viel gelesen früher. Die letzten 4 Wochen habe ich so viel gelesen wie früher. Das knabenhafte, blond gelockte Mädchen von damals sitzt wieder in einer Ecke, versunken in neue ferne Welten, die es zu erkunden, Charaktere die es zu verstehen gilt und Gefühlswelten in die man sich allzu gern versetzen lässt.


Die Gabe lesen zu können ist etwas Wunderbares - ein Geschenk! Und da wären wir wieder beim Thema. In meinen Berichten während meines FSJ in Santiago de Chile habe ich nicht oft betont, dass wir, die Bewohner der ersten Welt uns regelmäßig vor Augen führen sollten, dass es sich bei 90% unserer Probleme um Luxusprobleme handelt.




Ist uns eigentlich bewusst, dass wir in Deutschland die unglaubliche Möglichkeit haben, studieren zu dürfen, ohne dafür 14 000 € das Semester hinblättern zu müssen. Klar -  die Diskussion, dass beispielsweise Akademiker Kinder eher studieren ist unumstritten und klar – das mit dem Bafög ist auch eine unheimlich nervtötende und echt frustrierende Sache. Aber ist es nicht ein unglaubliches Privileg mit einem Hauptschulabschluss irgendwann vielleicht doch noch das Fachabitur schreiben zu können, ist es nicht wunderbar, dass man seine Kinder in die Schule schicken kann, ohne Angst haben zu müssen, dass der Lehrer den Rohrstock statt Pädagogik zur Hilfe nimmt. Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass Kritik an unserem Bildungssystem Jammern auf aller höchsten Niveau ist und wir öfter mal mit einem lachenden anstatt weinendem Auge morgens dem Weckerklingeln entgegen blicken sollten. Wie calle 13 in seinem Lied adentro sagt „ si la gente del congo hubiese tenido tus oportunidades, estarian graduados de las mejores universidades.“




Das Gleiche ist es mit Wertgegenständen, Lebensstandarts, Sicherheit, Versicherung… mit einem etwas kritischeren Gedankengang seinem eigenen Verhalten gegenüber lässt sich so viel entspannter leben! Wer sich das nächste Mal über die lange Wartezeit beim Arzt beschwert, sollte unserem System danken, dass es so etwas wie eine Krankenversicherung gibt, und man keinen Kredit wegen einem Antibiotika aufnehmen muss. 



Die Gabe der Dankbarkeit ist in der ersten Welt sehr oft extrem unterentwickelt. Seine persönliche Erfüllung sucht man in unendlichen Konsummöglichkeiten. Glück ist käuflich, Individualität oberflächlich, und das schlechte Gewissen schnell mit einer Patenschaft bei misereo wieder gut gemacht. Dieser Satz mag auf den ersten Blick total zusammenhangslos dastehen, auf den zweiten Blick macht er, finde ich, doch sehr viel Sinn.

Die Bilder habe ich bei einem spontanen Kurztrip an die Ostküste nach Jambiani geschossen. Wir hatten durchgehend schlechtes Wetter, die Farbpalette war dennoch überwältigend, die sich uns bot.

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